Über den Mäuseturm von Bingen

 

Anno 974 ward grosse Theurung in Deutschlandte, also das viel Leut Hungers sturben unnd die Leute auß Hungersnoth Hunde und Katzen assen. Da war ein Bischoff zu Mentz, der hieß Hatto der Ander, war zu Fulda ein Apt gewesen, der sahe die Armen Leut zu Mentz auff der Gassen nieder fielen und storben und bey Hauffen zu den Brotbencken lieffen und das Brodt namen mit gewalt.

Da sprach der Bischoff, die Armen Leut solten sich vor der Stadt in eine Scheure versamlen, er wolte sie speisen. Als sie in die Scheure kamen, schloß er zu, stecket sie an mit Fewer und verbrandte die Scheuren mit den Armen Leuten. Als aber die Leute in der Scheuren schrien, rieff der Bischoff: "Hört, hört, wie schreien die Kornmeuse." Aber Gott plagte ihn wider, das die Meuse Tag und Nacht uber ihn lieffen und an ihm frassen und möchte sich in aller seiner Gewalt für ihnen nicht behalten und bewaren. Zuletzt lies er einen Thurm mitten in den Rhein bawen, so noch diß Tages bey Bingen zu sehen, darinnen vermeinte er sicher zu sein. Aber die Mäuse schwummen durch den Rhein zu ihm und frassen ihn lebendig.

 

- Quelle: Bange 1599, 36a-b
- Sagen der Rheinlande, Gesammelt und herausgegeben von Hans-J. Uther
- Bouvier Verlag, 1998


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