Geisterkirche und Vorgeschichte in Ehrenbreitstein

 

Das alte Schloß in Ehrenbreitstein, die Phillipsburg, beherbergte in kurtrierischen Zeiten mancherlei Spuk; besonders vor dem Tode der Kurfürsten oder auch ihrer Verwandten regte und zeigte sich der. Und die vielen Geistererscheinungen sollen mindestens ebensosehr wie die Feuchtigkeit der Gebäude den letzten Kurfürsten, Clemens Wenzeslaus, bestimmt haben, seine Residenz nach Koblenz zu verlegen.
Ebenso wie dies alte Spukschloß steht auch die Schloßkirche nicht mehr, in der einst der Kurfürst Johann Hugo eine Vorgeschichte erlebte.

Es war am Dreikönigsabend, die vierzigstündige Andacht hatte, nach altem Herkommen, nachmittags um vier Uhr ihren Anfang genommen. Der Kurfürst hatte diesmal nicht, wie er sonst tat, in der ersten dieser Betstunden beiwohnen können, es verzog sich bis Mitternacht, ehe ihm ein freier Augenblick zupaß kam, das Versäumnis einzubringen. Wie er in das Oratorium hinüber kam, brannten drunten auf dem Hochaltar die Kerzen, die ganze Kirche war hell erleuchtet, der Betstuhl stand vor dem Altar, aber der Kaplan, dem die Stunde zugeteilt war, hatte ihn
noch nicht eingenommen. Indem ging die Tür zur Sakristei auf, und es trat heraus einer, zwei, drei Priester, nicht in Chorhemden, sondern kostbar in pontificalibus, nur daß allen dreien die Infuln fehlten. Der Kurfürst erinnerte sich nicht, jemals die drei Herren gesehen zu haben. Sie machten vor dem Altar ihre genuflexoines (Kniebeugen) und setzten sich dann auf die Stufen nieder. Stumm sahen sie zu ihm herauf, und endlich rief er ihnen ungeduldig zu, sie sollten anfangen. "Wir
warten noch auf einen", erwiderte der in der Mitte.

Dem Herrn kam es wunderlich vor, daß in seiner Gegenwart noch auf jemanden gewartet werden sollte, auch machte ihn die ganze fremdartige Erscheinung der drei neugierig; er stieg in die Sakristei hinab. Auf dem dritten oder vierten Treppling angekommen, sah er unter sich ein helles Licht, und als er schärfer zusah, ging jemand einige zehn Stufen unter ihm, gerade wie er selbst unter dem linken Arm ein Buch, in der rechten Hand einen silbernen Handleuchter, und war genau von
seiner Größe und Gestalt, auch bekleidet wie er selbst, mit einem violettfarbenen Talar.

Der Kurfürst war überrascht, auf diesem für jeden ungangbaren Weg - denn er trug den Schlüssel der Sakristei in der Tasche - einer lebendigen Seele zu begegnen, er ging schneller, und schier hatte er seinen Vordermann erreicht, da wendete sich der, und wie in einem Spiegel trat dem Kurfürsten sein eigenes Bild vor die Augen; sogar das karmesinrote Unterfutter des Talars fehlte nicht. Unbeweglich stand
der geistige Herr auf seinem Treppling, die Gestalt drehte sich wieder abwärts, machte die Tür auf, als sei sie unverschlossen gewesen, und warf sie hinter sich zu, daß die Fenster klirrten. Im Augenblick war Johann Hugo an der Tür, sie war fest verschlossen, und der Schlüssel wollte nicht greifen. Es überlief ihn, er stieg eilig die Treppe wieder hinauf. Da standen an der Tür zu seinem Zimmer zwei wachhabene Trabanten und präsentierten; als er aber zwischen ihnen durchgehen
wollte, hielten sie ihm stumm die Wehren entgegen. Halb von Sinnen vor Schrecken, wandte er sich nach der Balustrade, da sah er, wie die Kirche sich mit Menschen füllte. Auf dem Betstuhl kniete die Gestalt, die er auf der Treppe gesehen hatte, neben ihr standen zwei Prälaten, und gleich ihnen mit der Inful bekleidet, saß ein dritter vor dem Altar.

Jetzt erkannte er die drei Bischöfe, die ihn vor 25 Jahren geweiht hatten. Sie begannen alsobald seinem Ebenbild denselben Dienst zu erweisen. Auch in der Gemeinde entdeckte er nach und nach manchen verstorbenen Bekannten. Jetzt war die Zeremonie zu Ende, es gab ein dichtes Gedränge, bis eine Gasse inmitten der Kirche wurde, und es kamen der Kammerportier und der Hoffourier, hinter ihnen der frühere Hofmarschall, dann schöner als der hellste Sommertag ein Mädchen von höchstens 15 Jahren, es war seine Schwester Evchen, mit einer Brautkerze; ebenso und mit einem Palmzweig in der andern Hand sein Bruder Damian Adolf; wunderlich und herrlich zumal war das anzusehen: Um den bloßen Hals, der wie ein Kristall durchsichtig , tru er ein schmales rotes Bändchen, und sein Ordenskreuz blinkte wie ein Sonnenstrahl. Das Brautpaar, dem die beiden Kerzen vorantrugen, waren sein Vater und seine Mutter. Ihnen folgten die anderen Kinder, die verstorbenen nicht allein, sondern auch die noch lebenden zwei Schwestern, mit denen einer er erst eben zu Nacht gesessen hatte; die eine wie die andere sehr
ersthaften Angesichts, während das ganze übrige Hochzeitsgefolge Entzücken ohnegleichen in seinen Mienen zeigte.


Das Brautpaar wurde zum Betstuhl geführt, und der Bischof, der eine stille Messe las, war jetzt das Ebenbild des Kurfürsten selbst. Wie das "Ite missa est" gesprochen war, trat der Offiziant vor das Brautpaar, faßte die Hand der Mutter, nahm ihr den Ring vom Finger, umschlang sie wie den Bräutigam mit der Stola - in demselben Augenblick war alles in der Kirche verändert. Gelbe Kerzen brannten auf dem Altar, die Wände waren schwarz ausgeschlagen, das "Dies irae" tönte; es war
ein Traueramt um eine sehr vornehme Leiche. Anfangs konnte Johann Hugo vor der großen Zahl der Ministranten nicht sehen, wer im Sarg lag, endlich gab es eine Lücke, und in dem Sarg da unten erblickte er sich selbst, angetan mit allen bischöflichen Insignien. Er sah nur noch, wie der Sarg erhoben und in die an der Epistelseite geöffnete Gruft herabgelassen wurde, wie ihm ein zerbrochener Wappenschild nachgeworfen wurde, dann verlor er das Bewußtsein, und wie er wieder zu sich kam, war es um ihn still und nichts mehr von allem zu sehen. Mühsam schleppte er sich auf sein Schlafzimmer. Als am nächsten Morgen
danach der Kammerdiener auf des Herrn Bett zuschritt, kam er zu straucheln, bückte sich, und es fiel ihm ein Ring in die Hände. Es war der Trauring von der Mutter, den der Kurfürst seit zwanzig Jahren schmerzlich vermißte.

Johann Hugo hat seit dieser Epiphaniasnacht, die er nie vergessen konnte, für die heilige Drei Könige eine besondere Andacht bezeigt, ihnen zu Ehren den einen der Altäre geweiht, die er in der Domkirche erbaut hatte, und bestimmt, daß er zu Füßen dieses Altars begraben werde. Und genau zehn Jahre nach jener Dreikönigsnacht, am 6. Januar 1711, starb er.

 

- Quelle: Zaunert 1924, Bd. 2, 27-29
- Sagen der Rheinlande, Gesammelt und herausgegeben von Hans-J. Uther
- Bouvier Verlag, 1998


main1.jpg (14439 Byte)