Ein bischoff von Mentz fressen die meuß

 

Bey Bingen staht noch ein thurn im Rhein, der meußthurn geheissen, der sol disen nammen also überkommen haben: Es war ein bischoff zu Mentz, zu den zeiten deß grossen keyser Otten, nemlich anno 614, Hatto genennet, under dem entstund ein grosse theurung, und do er sahe, daß die armen leut erbarmlichen hunger litten, versammlet er deren vil in ein weite scheuren und ließ sie darinnen verbrennen.
Dann er sprach: "Es ist eben mit inen als mit den meussen, die das korn fressen und niendert zu nutz seyn."

Gott aber ließ diese unmenschliche that nit ungerochen, und gebott den meussen, daß sie mit hauffen über in lieffen, tag und nacht im unruw zufügende, als wolten sie in lebendig fressen. Da flohe er in diesen thurn, verhoffende, im selben sicher zu seyn vor seiner plage; aber er mochte dem urtheil gottes nit entrinnen, sondern die meuß schwummen zu im über den Rhein in den thurn und peinigten in also mit nagen und beissen, biß das er starbe.

 

- Quelle: Kirchhof/Österley 1869, Buch 1, Teil 2, Nr. 31
- Sagen der Rheinlande, Gesammelt und herausgegeben von Hans-J. Uther
- Bouvier Verlag, 1998


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